Weniger ist mehr

Weniger ist mehrFasbender, Dr Thomas © russland.news

Wenn es einen Hebel gibt, mit dem Donald Trump von seinen innenpolitischen Gegnern zu Fall gebracht werden kann, dann seine Russland-Connection. Der Kreml ist der Knüppel-aus-dem-Sack der amerikanischen Trump-Gegner. Sonderermittler Robert Mueller prüft die angebliche Wahlbeeinflussung durch russische Internet-Trolle 2016. Die Verbindungen des Trump-Wahlkampfteams zu russischen Diplomaten und Vermittlern stehen im Fadenkreuz. Selbst die privaten Kontakte einer russischen Studentin in den USA, darunter die Mitgliedschaft in der mächtigen Waffenlobby NRL, reichen den amerikanischen Behörden als Grund zur Einkerkerung der jungen Frau unter dem Vorwurf der Unterwanderung. Eine Hexenjagd hat eingesetzt, bei der schon nicht mehr unterscheidbar ist: Dient sie dem Sturz des US-Präsidenten oder der Dämonisierung der russischen Politik?

Hintergrund ist der zäh und hartnäckig geführte Rivalitätskampf zwischen Russen und Amerikanern um Einfluss auf dem eurasischen Kontinent. Washington, besser gesagt die Falken in Washington kämpfen um den Status der USA als Supermacht-Polizist einer unipolaren Welt. Russland hält dagegen, propagiert eine multipolare oder polyzentrische Weltordnung und profiliert sich, getragen von der mehr oder minder heimlich geäußerten Sympathie der ganz überwiegenden Mehrheit der nichtwestlichen Welt von Asien bis Südamerika, als Vorreiter in dieser Auseinandersetzung.

Der Einsatz ist hoch, die Ziele sind ehrgeizig, und es ist kein Spiel unter Gentlemen. Eher ein Catch-as-catch-can. Was zur Hand ist, wird als Waffe benutzt. Aus Sicht der USA auf jeden Fall die Herrschaft über das internationale Finanzwesen und die Bedeutung des Dollars für den Welthandel. Mit ihren Gold- und Devisenreserven halten die Russen dagegen; die Unterstützung der Chinesen, die ihre eigene Rivalität mit den Amerikanern ausfechten, ist ihnen sicher. Eine neue Runde in dieser Auseinandersetzung wurde soeben eingeläutet.

Die Zeiten, in denen von Friedensdividenden und Win-win-Situationen die Rede war, sind jedenfalls vorbei. Die Eisenfresser und Kommissköppe kriegen Oberwasser, nicht nur in Washington und Moskau. Für Europa bedeutet das ganz neue Herausforderungen. Ein hegemoniales Amerika an seiner Seite war der beste Partner, den der Kontinent sich vorstellen konnte. Ein Amerika auf dem Rückzug, das sich in eurasische Rivalitäten verstrickt, egal ob mit Russland, China oder dem Iran – ein solches Amerika bedroht die europäischen Interessen an Frieden, Stabilität und Wohlstand massiv. Wenn zudem in den USA innenpolitische Konflikte auf dem Feld der Außenpolitik ausgetragen werden, gibt es nur ein Rezept: Abstand halten und eine selbstbewusste, an den eigenen Möglichkeiten und Interessen ausgerichtete Politik. Allen Seiten gegenüber.

Eine solche Politik im Rahmen einer EU28 oder EU27 realisieren zu wollen wäre illusionär. Deutschland allein – viel zu schwach. Was bleibt, ist die alte EWG von 1957, erweitert um Österreich immerhin annähernd das karolingische Reich von vor 1200 Jahren. Sollte es gelingen, diesen politischen und kulturellen Raum als Fragment des Jahrhundertprojekts Europa in die Zukunft zu retten, wäre schon sehr viel erreicht.

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