Hosen runter!

Hosen runter!Fasbender, Dr Thomas © russland.news

Mit der Ausweisung westlicher Diplomaten nach dem Grundsatz 1:1, also spiegelbildlich, hat Russland den Mittelweg zwischen Eskalation und Deeskalation gewählt. Dabei hatte es durchaus Forderungen gegeben, im Fall Deutschlands etwa die Büros der politischen Stiftungen zu schließen oder das Goethe-Institut analog zum kurz zuvor aus Russland verbannten British Council.

Man weiß jedoch in Moskau, dass es in Westeuropa auch künftig die Deutschen sind, die der russischen Sache im Zweifel die größte Sympathie entgegenbringen. Wohlgemerkt: die Deutschen – nicht ihre derzeitige Regierung. Doch Regierungen sind flüchtig, da lohnt es sich, auf das große Ganze zu setzen.

Das zentrale Moskauer Etappenziel ist die Fußball-WM. Wenn die Mannschaften am 16. Juli wieder abfliegen, können die eurasischen Rivalitäten munter fortschreiten – in den zehn Wochen bis dahin muss Ruhe herrschen im Karton. Ein Kollaps der internationalen Beziehungen vor diesem Tag wäre der absolute worst case. Darin liegt die entscheidende Schwäche der russischen Position.

Schließlich sind es nicht nur die Hardcore-Transatlantiker im Westen, denen die Vorstellung einer erfolgreichen russischen WM übel aufstößt. Auch in Kiew und in den Hochburgen des internationalen Terrorismus weckt eine solche Aussicht zerstörerische Kreativität.

Indem die westlichen Regierungen sich wie programmiert in die Eskalation treiben lassen, bieten sie böswilligen Dritten den perfekten Angriffspunkt. Solche böswilligen Dritten müssen keine IS-Terroristen oder ukrainische Ultras sein – die existieren auch in den eigenen Reihen, hüben wie drüben. Doch statt das Thema mit Samthandschuhen anzufassen, werfen unsere Politiker als erstes alle rechtsstaatlichen Grundsätze über Bord.

Im Zweifel für den Angeklagten war einmal – jedenfalls nicht für Wladimir Putin. Dahingegen gilt: Wo Rauch ist, ist auch Feuer – eine Schlussfolgerung, die schon so manchen unheiligen Pogrom, so manche böse Hetz- und Lynchkampagne erst richtig angefacht hat.

Indizien, das setzt Eindeutigkeit und Stichhaltigkeit voraus. DNA-Abgleiche, Fingerabdrücke, Videobänder oder dergleichen. Angeblich existieren sie ja im Fall Skripal. Norbert Röttgen, immerhin Vorsitzender des Auswärtigen Bundestags-Ausschusses, hat sie gesehen: „Es gibt starke Indizien, die auf Russland verweisen.“ Der englische Außenminister Boris Johnson behauptet sogar, es sei „äußerst wahrscheinlich“, dass Putin persönlich die Anwendung des Giftes im englischen Salisbury angeordnet habe.

Das werden die beiden nicht ohne Grund gesagt haben. Politiker wägen ihre Worte. Wenn es also diese starken Indizien gibt, warum liegen sie Röttgen und Johnson vor und nicht Ihnen und mir? Warum werden daraus Staatsgeheimnisse gemacht in unserer ansonsten doch ach so transparenten Demokratie? Schließlich genießt ein Wladimir Putin keinen Täterschutz wie ein minderjähriger Angeklagter.

Also raus damit! Aber bitte keine so „starken Indizien“ wie die allseits bekannten Informationen zum Nervengift Nowitschok, das über mehr als 20 Jahre an Standorten im heutigen Kasachstan, in Russland und der Ukraine und in neun Varianten entwickelt, produziert und getestet, vor 2000 unter Beteiligung von US-Streitkräften vernichtet und verschiedentlich kriminellen Gruppen zum Kauf angeboten wurde. Mindestens ein „privater“ Auftragsmord ist mit der Substanz bereits verübt worden.

Je länger Röttgen, Johnson und viele andere mit ihren „starken Indizien“ hinter dem Berg halten, je aktiver das gesamte Establishment sie dabei unterstützt, desto legitimer der Verdacht des Zuschauers, dass unsere Repräsentanten mit der Wahrheit – und mit dem Wähler und Info-Konsumenten, der das alles gern glauben möchte – Schindluder treiben. Falls den Betreffenden am Respekt aus dem Publikum überhaupt noch gelegen ist, sollten sie möglichst rasch nach der alten Spielregel „Hosen runter“ handeln.

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