Die wahren Spalter

Der Russlandflüsterer

Die wahren SpalterFasbender, Dr Thomas a © russland.news

Beim Gespräch über Russland erklingt oft die Frage nach den eigentlichen Beweggründen der russischen Politik. Skepsis und Misstrauen schwingen mit, uralte Vorurteile, Ressentiments und Angst. Worte wie Aggression und Expansionismus bleiben nicht aus.

Dabei lautet die beste Antwort: Lesen Sie Putin nicht zwischen den Zeilen, nehmen Sie ihn beim Wort. So verschlagen er sein mag, in einer Beziehung ist er so ehrlich wie altmodisch: Er sagt „Interesse“ statt „Wert“ und „meins“ statt „win-win“. Die Erkenntnis, wonach ein Politiker, wenn er „Moral“ sagt, schon gelogen hat, ist in Putins Fall irrelevant. Falls er das Wort doch einmal benutzen sollte, meint er es wahrscheinlich wörtlich.

Interessant ist auch die Frage nach den Beweggründen der Hardcore-Russlandbasher, der in der Wolle gefärbten Anti-Putin-Fanatiker. Leute wie Richard Herzinger, Boris Reitschuster, Julian Reichelt et al. Während das Publikum sich vier Jahre nach Ukrainekrise und Krim-Annexion allmählich abwendet – alle Argumente, alle Gegenargumente wurden zum Überdruss wiederholt –, legen sie immer noch eins nach.

Wer RT Deutsch und SputnikNews konsumiert, dazu die Springermedien, die schon mildere FAZ und die Öffentlich-Rechtlichen, duckt sich instinktiv im Kugelhagel zwischen den Fronten. Da sind harte Jungs am Werk, auf beiden Seiten. Im Informationskrieg vier Jahre lang den Finger am Abzug halten fordert Nerven, ein gutes Trommelfell und Hingabe. Ohne innere Überzeugung steht das keiner durch; „gekaufte“ Federn wären längst schon stumpf.

Was treibt die westlichen Fanatiker, dass sie schon den leisesten Ansatz zu Annäherung und Dialog – no fraternization! – als Defaitismus brandmarken?

Bei den Springer-Journalisten ist es die Nibelungentreue zum US-amerikanischen Lehnsherrn. Empört verdammt Richard Herzinger das in der Groko-Koalitionsvereinbarung enthaltene Freihandelsziel „von Lissabon bis Wladiwostok“ – es hat „von Vancouver bis Wladiwostok“ zu heißen. Alles andere ist ein Kotau vor „Putins strategischem Kalkül: Europa von Amerika zu trennen, um es leichter unter Kontrolle bringen zu können“. Ob sie jetzt im Kreml eher lachen oder weinen?

Die Nibelungentreue reicht tief, bis in Sphären, wo religiöse Mächte walten. An ihrer Wurzel steht die Gewissheit, dass die Weltgeschichte einem einzigen Ziel entgegenstrebt. Zufällig deckt es sich mit dem, was wir für Fortschritt halten: Gewaltenteilung, repräsentative Demokratie, Liberalismus, universale Werte, autonome Selbstverwirklichung. Die Kulturen und Zivilisationen der Welt unterscheiden sich nur in der Annäherung an diesen Fortschritt; einige haben es fast geschafft, andere hinken hinterher. Aber keine Sorge, alle werden ankommen, der Westen hilft.

Es ist ein quasi-religiöser Glaube, der den Landsern an der Infofront ihre Kraft verleiht. Der Glaube an den einen Gott Aufklärung und seinen Propheten USA. Vom überwundenen Christentum haben die „Fortschrittlichen“ den Universalismus, den Heilsgedanken und die Mission geerbt. Die Botschaft ist das Licht der Vernunft, das allen leuchtet. Mitunter sind die Schäfchen verstockt und halten an dummen Zielen fest, auch das ist nichts Neues. In Südamerika schworen viele Indios den alten Göttern erst ab, als man sie über glühende Roste tanzen ließ.

Heute heißt der Prozess Demokratisierung, nicht mehr Missionierung. Doch auch 500 Jahre nach den Konquistadoren geht der Drang, andere mit dem eigenen Glauben zu beglücken, nur von den Europäern (und ihren überseeischen Erben) aus. Oder hat jemand von Chinesen oder Russen gehört, die uns ihre Formen autoritärer Herrschaft als Allheilmittel preisen?

Nichts bringt Missionare so in Rage wie selbstbewusste Heiden. Womit wir bei den Russen wären. Deren Begehr war, die westliche Weltordnung nach 1990 nur unter der Bedingung der Ebenbürtigkeit anzuerkennen. Das erwies sich, aus allerlei Gründen, als nicht machbar. Die anschließende Entfremdung kulminierte in der Ukrainekrise 2014.

300 Jahre lang, seit Peter I, hat das westliche Europa Russland als Leitstern gedient. Noch die kommunistische Ideologie war ein Westimport. Inzwischen gilt: nicht länger mehr. Und nicht nur Russland. Auch die Türkei war hundert Jahre lang in jeder Hinsicht auf den Westen fixiert. Wie ein Seismograph registriert man in beiden Ländern – übrigens den einzigen, deren Territorium Asien und Europa umfasst – den europäischen Autoritätsverlust. Frech hält man uns den Spiegel vor; das ist der böseste aller Stachel. Denn dieser Spiegel zeigt uns, wie und wer wir wirklich sind.

Das soll die westlichen Kritiker kalt lassen? Wütend leugnen sie den Gang der Zeit, verfluchen Putin und Erdogan und werden ebenso deren Nachfolger verfluchen. Schließlich zeigt uns der Spiegel nicht nur die Grenzen des demokratisch-liberalen Gesellschaftsmodells. Es ist auch aus mit den universalen Werten und dem missionarischen Tamtam.

Was am schwersten wiegt: Die politischen und wirtschaftlichen, auch die militärischen Interessen des Westens, die Herrschaft über die Weltinfrastruktur und über die Welt-Energiereserven – all das ist unmittelbar bedroht. Wobei in diesen Punkten Russland und die Türkei nur die schwach bedeckte Vorhut stellen. Die eigentliche Veränderungsmacht geht von China aus, vom Fernen Osten insgesamt. Und sie zielt direkt nach Amerika; die Alte Welt interessiert dort gar nicht mehr.

Unsere Russlandkritiker ficht das nicht an. Verzweifelt klammern sie sich an einen Status quo, der längst ein Status quo ante ist. Dass Europa ganz andere, viel weiterreichende Probleme hat als autoritäre Verhältnisse im Osten, als russische Machenschaften in der Ukraine oder die Zugehörigkeit der Krim, gilt ihnen als Anathema, als Ketzerei. Blind kämpfen sie ihren Dschihad für eine Hegemonie, die keine mehr ist, für die reine Demokratie, für die reinen westlichen Werte. Die Folgen sind fatal, denn noch genießen die Anti-Putin-Fanatiker großen Einfluss in den Medien, treiben auf Ausgleich und Integration bedachte Politiker in die Defensive und torpedieren den Dialog, wo doch Europa dringend Gemeinsamkeiten benötigt. Sie sind die wahren Spalter des Kontinents.

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