Dawai, Dawai! Tauwetter in den deutsch-russischen Handelsbeziehungen

Dawai, Dawai! Tauwetter in den deutsch-russischen Handelsbeziehungen

[von Dr. Thomas Fasbender] Das diesjährige Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg bestätigte das große Interesse seitens der deutschen Unternehmen am russischen Markt.

Nach den Angaben der AHK bleiben die beidseitigen Wirtschaftsbeziehungen trotz zwei stürmischer Sanktionsjahre stabil und ausbaufähig. Dawai, Dawai! – lautet hier die Devise, mit der die Wirtschaft die Politik herausfordert. Denn es sind nicht die Deutschen allein, die ihre Handelsbeziehungen mit Russland festigen möchten. Ein Impulsbeitrag von Dr. Thomas Fasbender.

Um 37 Prozent hat der deutsch-russische Außenhandel in den ersten zwei Monaten 2017 angezogen – nun sage keiner, das läge nur am gestiegenen Ölpreis. Immerhin lagen die deutschen Exporte nach Russland um 36 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, und auf die hat der Ölpreis nur sehr mittelbaren Einfluss. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: In den beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen ist Tauwetter eingekehrt.

Noch Anderes ist zu vermerken. Der Primat der Politik im deutsch-russischen Verhältnis, 2014 gegen den zähen Widerstand der Verbandsoberen von der Bundeskanzlerin exekutiert, gilt nicht mehr. Angelas Merkels seinerzeitiges Kalkül war, dass Russland, nachdem es die „regelbasierte europäische Friedensordnung“ mit seiner Politik auf der Krim und in der Ostukraine empfindlich gestört hatte, nur mittels wirtschaftlicher Einbußen zur Vernunft zu bringen wäre. Vorher, so die Argumentation des Kanzleramts, würden „normale“ Beziehungen nicht möglich sein.

Mit dem Primat hat die Politik ihre Autorität aufs Spiel gesetzt. Wer aber Autorität geltend macht, muss auch liefern. Irgendwann. Und liefern ist mehr als Rechthaberei und Schuldzuweisungen.

Dabei hätte der Westen wissen können, dass Russland mit Zwangsmaßnahmen nicht kleinzukriegen ist. Zumal in Moskau keinerlei „Unrechtsbewusstsein“ herrscht – aus russischer Sicht ist der Begriff „europäische Friedensordnung“ spätestens seit der Bombardierung Serbiens und der Sezession des Kosovo sowieso nur noch eine Leerstelle.

Inzwischen sind drei Jahre vergangen, die Krim ist weiterhin russisch, der Konflikt in der Ostukraine halbgefroren – und dafür wurden Milliarden an profitablem Handelsvolumen verbrannt? Was für eine Verschwendung. Sinnlose Opfer widerstreben dem Unternehmergeist, und der sucht nach einem Neuanfang.

Rosneft-CEO Igor Setschin hatte nicht Unrecht, als er kürzlich in Berlin beklagte, dass die Politiker für ihre eigene Unfähigkeit, Problemlösungen zu finden, die Wirtschaft bestrafen. Die hat es jedenfalls auszubaden, wenn die Zankteufel in der Politik sich gegenseitig mit Sanktionen überziehen. In noch einem Punkt hat Setschin Recht: Längst hat man in Russland gelernt, mit den Sanktionen zu leben. Wenn aber Politik nur noch hohle Dogmen feiert, kann die Wirtschaft unbesorgt ihrer eigenen Wege gehen.

Das tut sie auch. Die japanische Bridgestone hat vor wenigen Tagen eine 300-Mio-Euro-Reifenproduktion eröffnet; Viessmann baut eine Fabrik für Heizungssysteme; Henkel hat schon Ende 2016 neue Fertigungslinien und Logistikkapazität in Betrieb genommen; Kuka plant eine Roboterproduktion; der Dortmunder Pumpenhersteller Wilo, der vor einem Jahr ein Werk eröffnet hat, will die Fertigung bis 2022 komplett lokalisieren; seit diesem Monat produziert auch der deutsche Elektrokomponentenhersteller Phoenix Contact lokal.

Noch ist vor allem die Autobranche notleidend – auch wenn die Neuwagenverkäufe jüngst wieder anziehen. Immerhin hat VW bereits bekanntgegeben, die russische Audi-Produktion erneut aufleben zu lassen. Auch in anderer Richtung wächst das Geschäft. Die russische Traditionsmarke Lada hat im ersten Quartal in der EU 63 Prozent mehr Autos verkauft als im Vergleichszeitraum 2016. Das zu 67 Prozent zu Renault-Nissan gehörende Unternehmen hat die Modellpalette in den Vorjahren radikal umgekrempelt. Noch liegt der Lada-Marktanteil in der EU bei unter einem Prozent, doch den Ausschlag geben Trend und Potential.

Auch die staatliche Ölgesellschaft Rosneft unterstreicht mit der Übernahme der Schwedter Raffinerie PCK und der Gründung einer deutschen Tochtergesellschaft den Stellenwert des deutschen Markts. Von sechs ausländischen Rosneft-Raffineriebeteiligungen befinden drei sich in Deutschland. Dort redet man sogar offen über die Anbindung der süddeutschen Rosneft-Standorte in Karlsruhe und im bayrischen Vohburg an die Südschiene der Druschba-Pipeline im Nordwesten Tschechiens.

Da mögen sich die Politiker und vor allem die ideologisierten Medien noch so sträuben – die Pragmatiker in den Unternehmen haben ihnen die Story vom Buhmann Russland ohnehin nie abgekauft.

Der Primat der Politik war ein Vorschuss auf die versprochene Konfliktlösung mit harten Bandagen. Seit die ausbleibt, seit man auch noch gewahr wird, dass von den Sanktionen vor allem der US-Export nach Russland profitiert, geht man zur Tagesordnung über. Und Tagesordnung im deutsch-russischen Handel heißt immer noch: Dawai, dawai.

 

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